Aktuelle Flüchtlingslage in Nürnberg – MdB Wöhrl besucht Flüchtlingszelte „Ich schäme mich.“

Die Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (AWZ) im Deutschen Bundestag, Dagmar G. Wöhrl, besuchte heute die beiden Flüchtlingszelte in der Deutschherrnstraße, um sich selbst ein Bild von der Lage der Flüchtlinge vor Ort zu machen.

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„Als Entwicklungspolitikerin beschäftige ich mich seit einigen Jahren intensiv mit der Flüchtlingssituation weltweit, mit den neuen Flüchtlingsströmen und den Auswirkungen auf die EU und Deutschland. Ich habe auch schon viele Flüchtlingslager weltweit besucht, z.B. Zaatari in Jordanien, Dadaab in Kenia oder Port-au-Prince in Haiti. Die Perspektivlosigkeit in den Augen dieser dort untergebrachten Menschen werde ich nicht mehr vergessen. Dass ich nun allerdings einmal Flüchtlingszelte in meinem eigenen Wahlkreis besuchen muss, hätte ich nicht gedacht. Umso beschämender finde ich es, dass wir nun in Bayern provisorische Zeltunterkünfte aufbauen müssen. Die aktuelle Flüchtlingspolitik wird Bayerns hohen Ansprüchen nicht gerecht und ist ein Schandfleck. Auch wenn in letzter Zeit neue Krisenregionen in der Welt entstanden sind, hatten bereits zuvor alle Prognosen einen Anstieg der Flüchtlingszahlen in der Europäischen Union vorhergesagt. Die bayerische Staatsregierung sowie die Bezirksregierungen haben es schlichtweg unterlassen, rechtzeitig verantwortungsvoll zu handeln. Selbst jetzt, wo der Notfall eingetreten ist, verschanzt man sich hinter der Bürokratie anstatt anzupacken. Bei meinem Besuch heute habe ich mich geschämt.“

MdB Wöhrl berichtet von den Erfahrungen während ihres Besuchs:
„Ich bin über die Zustände in den Nürnberger Flüchtlingszelten schlicht schockiert. Es gibt keine soziale oder psychologische Betreuung vor Ort. Ich habe mit vielen Flüchtlingen gesprochen, die mir von ihrer schwierigen Flucht nach Europa berichtet haben. Ein junger Mann erzählte mir, dass er aus Nigeria sei und jetzt alleine ist, weil seine ganz Familie von der Terrorgruppe Boko Harram ermordet wurde. Er habe nur überlebt, weil die Leichen seiner Familie auf ihm lagen. Diese Menschen sind traumatisiert und werden jetzt ohne Betreuung in überfüllte Zelte verfrachtet.“

Dagmar Wöhrl über die Situation der Kinder:
„Es gibt keine Betreuer, die für die vielen Kinder ein Beschäftigungsprogramm organisieren. Gerade Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, die alleine im Lager sind, haben keinen Ansprechpartner oder jemanden, der sich anständig um sie kümmern kann. Ich befürchte einige stehen kurz vor einem Lagerkoller. Gerade in der Deutschherrnstraße könnte man auch gut ein sportliches Programm auf dem Fußballplatz anbieten, um Aggressionen abbauen zu können. Ich plädiere dringend dafür, noch ein weiteres, kleines Zelt aufzubauen, in dem Kinder spielen können.“

Wöhrl zur ärztlichen Versorgung vor Ort: „
Es gibt keinen Arzt vor Ort, einen Mindeststandard, den wir in Flüchtlingscamps weltweit erfüllen. Man muss sich klar machen, dass dies die erste Station der Flüchtlinge in Deutschland ist und dass viele von ihnen Krankheiten oder Verletzungen nach einer Flucht haben. Momentan werden Ärzte in der Umgebung aufgesucht oder der Notarzt gerufen. Allerdings handelt es sich in den meisten Fällen natürlich nicht um typische Notarztsituationen. Viele Flüchtlinge besitzen keine ordentlichen Schuhe und vor allem Kinder sind unsere Witterungsbedingungen einfach nicht gewohnt, unterkühlen und bekommen Fieber. Es wäre angebracht, wenigstens eine zweistündige ärztliche Versorgung pro Tag anzubieten.“

MdB Wöhrl über weitere Missstände:
„Manche Zustände sind nicht tragbar. So wurde mir von verschiedenen beteiligten Amtsmitarbeitern, die ich zufällig vor Ort traf, mitgeteilt, dass es im Lager in der Frankenstraße keine feste Telefonnummer gibt bzw. ein Handy, welches sich dauerhaft vor Ort befindet. Man kann nur die Securities vor Ort auf privaten Handys erreichen, allerdings ändern sich diese Nummern natürlich mit jedem Schichtwechsel. Zudem wurde mir berichtet, dass der Sicherheitsdienst in der Frankenstraße nachts nicht vor Ort sei. In einem Notfall wäre es so schwierig zu agieren.“

Wöhrl dankt den Mitarbeitern vor Ort:
„Besonders möchte ich die Mitarbeiter vor Ort, vor allem auch die Security-Mitarbeiter, loben und ihnen für ihre aufopferungsvolle Arbeit danken. Denn momentan fungieren sie hauptberuflich als Camp-Leiter, Seelsorger, Freund, Psychologe sowie erster Ansprechpartner und nur nebenberuflich als Wachpersonal. Aber unabhängig davon, braucht es dringend einen dauerhaften Koordinator, der vor Ort in den beiden Lagern ist. Auch habe ich mit Anwohnern gesprochen, die sich sehr liebevoll engagieren, den Flüchtlingen Kleidung, Spielzeug und Lebensmittel vorbeibringen.“

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