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Dieser Artikel stammt aus der Zeit meiner politischen Arbeit bis Oktober 2017 und kann überholte Informationen enthalten.

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Mein Interview mit Network-Karriere

Dagmar Wöhrl Interview mit Network-Karriere Mit dem Herausgeber von Network-Karriere habe ich vor kurzem ein sehr nettes Interview in meinem Berliner Bundestagsbüro geführt. Hier der Text mit dem PDF der Original-Print-Ausgabe. Viel Vergnügen beim Lesen!

Network-Karriere Herausgeber Bernd Seitz trifft Dagmar Wöhrl in ihrem geschmackvoll eingerichteten Büro direkt neben dem Deutschen Reichstag. „Als Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung habe ich viel internationalen Besuch“, erklärt die fränkische Politikerin beinahe entschuldigend den ca. 20 qm großen Arbeitsraum. Dagmar Wöhrl hätte den Interviewtermin auf ärztliches Anraten eigentlich verschieben sollen. Sie hat wegen einer akuten Knieverletzung eine Schiene und geht an Krücken. „Termine sind Termine und werden eingehalten“, lacht Dagmar Wöhrl.

Mit Dagmar Wöhrl ein Interview zu machen, ist wie mit einer langjährigen Freundin zu plaudern. Es gibt kein Thema, das tabu wäre, keine vorbereiteten Standardantworten auf die Fragen.

Network-Karriere (NK): Frau Wöhrl, Sie sind seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages und wurden bereits ein Jahr später Präsidiumsmitglied der CSU. Eigentlich sind Sie Rechtsanwältin und Unternehmerin, wie kamen Sie denn zur Politik?

Dagmar Wöhrl: Da bin ich sozusagen reingerutscht. Ich hatte nach meinem juristischen Staatsexamen 1987 gerade eine kleine Kanzlei eröffnet und zudem zwei kleine Kinder, war also ausgelastet. Da fragte 1990 die Nürnberger CSU bei mir an, ob ich mich für den Nürnberger Stadtrat aufstellen lassen würde. Das konnte ich mir zunächst gar nicht vorstellen, aber mein Mann bestärkte und motivierte mich, ein öffentliches Amt zu bekleiden. „Man kann nicht nur in der Gemeinschaft leben, man muss auch etwas für sie tun!“, argumentierte er. Dieser Satz hat mich bisher durch meine ganzen politischen Aufgaben begleitet. Ich wurde auf Anhieb in den Nürnberger Stadtrat gewählt und dort gleich wohnungspolitische Sprecherin der CSU-Fraktion. Meine Arbeitsschwerpunkte waren außerdem Wirtschaft, Recht, Stadtplanung und Stadtentwicklung. Vier Jahre später wurde ich Mitglied des Deutschen Bundestages. Die Politik hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Insbesondere wohl die Wirtschaftspolitik und alles, was mit Technik und Verkehr zu tun hat?

Ja, die Wirtschaftspolitik ist auf der einen Seite enorm wichtig, aber auch spannend und vor allen Dingen kann man etwas bewegen. Ganz gleich, ob es sich um den Mittelstand handelt, um die Landwirtschaft oder um den Tourismus in unserem Land. Ich kenne die Sorgen und Nöte der Familien- und Mittelstandsunternehmen aus eigener Erfahrung und ich glaube zu wissen, wo politisches Engagement und Unterstützung notwendig sind.

Sie waren 2005 bis 2009 als Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie und dort unter anderem die Koordinatorin der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft. Wie kommt, entschuldigen Sie den Ausdruck „eine Frau vom Land“, die allemal ein paar fränkische Seen kennt, mit einem solch fremden Bereich zurecht?

Wir alle, also nicht nur die Politiker, dürfen nie aufhören, dazu zu lernen. Das Wissen ist unser Kapital, das wir ständig vermehren müssen. Lernen heißt für mich zuzuhören, mich mit der Materie intensiv zu beschäftigen. Und ich habe in den vier Jahren als Staatssekretärin sehr viel über das Meer, unsere Wasserwege, über Schiffe, Werften und Meerestechnologie gelernt. Das war nicht einfach, aber hochinteressant. Ich bin stolz darauf, dass ich in dieser, für die maritime Wirtschaft sehr schwierigen Zeit, einiges erreichen konnte.

Die Politik ist oder war zumindest sehr lange einen Männerdomäne. War es da für Sie als Frau nicht besonders schwer, den sicher nicht einfachen Bereich der maritimen Wirtschaft zu koordinieren und Ihren „Mann zu stehen“?

Oftmals steckt in einer rauhen Schale ein weicher Kern. Aber richtig ist,   Politikerinnen müssen mit besonderer Fachkompetenz punkten. Der weibliche Charme alleine genügt nicht.

Kommen wir zu einem besonderen Teil Ihrer heutigen Aufgaben: Sie sind die Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und beschäftigen sich intensiv mit den Entwicklungsländern. Passt wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung(shilfe) zusammen?

Das muss man getrennt sehen und trotzdem sind beide Bereiche sehr eng verzahnt. Beginnen wir zunächst mit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Die Unternehmen in unserem Land müssen und wollen im Zuge der Globalisierung laufend neue Märkte erschließen. Das heißt vereinfacht dargestellt, wir produzieren mehr, als wir selber verbrauchen. Die Märkte der Industriestaaten sind jedoch auch nicht unendlich aufnahmefähig. Das heißt, wir müssen ärmere Staaten dahingehend unterstützen, dass sie auch in der Lage sind, unsere Produkte zu kaufen. Und umgekehrt müssen Entwicklungsländer in die Lage versetzt werden, dass wir ihre Produkte importieren.

Der andere Bereich ist die humanitäre Seite. Es ist einfach unmenschlich und unsozial die Ärmsten der Armen in ihrem Elend alleine zu lassen, während wir im Überfluss leben. Die heutige Entwicklungszusammenarbeit darf man allerdings nicht mit der Entwicklungshilfe der vergangenen Jahrzehnte gleichsetzen. Armut in den Entwicklungsländern kann nur durch Hilfe zur Selbsthilfe abgebaut werden. Die Menschen müssen in die Lage versetzt werden, selber eine, und sei es auch noch so kleine Landwirtschaft zu betreiben, oder Produkte herzustellen, die nachhaltig ihren Lebensunterhalt sichern.

Auf dem Weg dorthin sind allerdings noch viele Probleme zu bewältigen, die in den meisten Fällen nicht unbedingt mit Geld zu lösen sind. Die medizinische Versorgung und die hygienischen Verhältnisse sind in den ländlichen Gegenden und insbesondere in den Flüchtlingslagern katastrophal. Die Folgen davon sind eine extrem hohe Mütter- und Säuglingssterblichkeit.

Langfristig müssen und können wir mit Bildung der Kinder und Ausbildung der Erwachsenen einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der dortigen Lebensumstände leisten. Gezielte Hilfe im Bildungsbereich hat es möglich gemacht, dass in Subsahara Afrika in den vergangenen zehn Jahren 46 Millionen Kinder erstmals eine Schule besuchen konnten. Nur was diese Kinder heute lernen, können sie morgen an ihre Kinder weitergeben.

Ich habe vor Kurzem das Flüchtlingslager Dadaab in Kenia besucht, in dem nach Schätzungen knapp 480.000 Menschen leben. Nicht kurzzeitig, sondern bereits in der dritten Generation. Wie wollen diese Menschen aus diesem Teufelskreis herauskommen, wenn sie nicht wissen, wie sie außerhalb des Lagers ihren Lebensunterhalt verdienen könnten? Ohne Bildung und Ausbildung werden auch die kommenden Generationen chancenlos sein. Hier müssen wir, neben allen medizinischen und hygienischen Hilfsmaßnahmen, ansetzen. Allerdings im Dialog, wir dürfen und können diesen Menschen unsere Meinung und Lebensweise nicht einfach überstülpen.

Dazu möchte ich ein Beispiel aufzeigen: Deutsche Entwicklungshelfer haben ein Projekt gestartet, das den Menschen außerhalb und innerhalb des Lagers enorm hilft. Die Menschen, die rund um das Flüchtlingslager leben, sammeln in der umliegenden Wüstengegend Holz und verkaufen dieses an die Hilfsorganisationen, um vom Erlös Lebensmittel für ihre Familien zu kaufen. Dieses Holz wird dann kostenlos an die Menschen im Flüchtlingslager abgegeben. Eine ganz einfache Sache, aber ein effektives Mittel um die Flüchtlinge vor Übergriffen außerhalb des Lagers zu schützen und die Akzeptanz bei der lokalen Bevölkerung zu stärken.

Gerade Afrika ist ein Kontinent, der schon alleine durch seine Bodenschätze eine große Zukunftsperspektive hat. Es gibt bereits einige sehr reiche Städte mit modernster Technologie und einer starken Mittelschicht. Aber nur wenn wir, hauptsächlich der Landbevölkerung, zunächst wertegeleitet helfen, werden unsere wirtschaftlichen Interessen Erfüllung finden. Umgekehrt geht es nun einmal nicht.

Es gibt bereits eine Reihe deutscher Unternehmen, die dies erkannt haben und das, was sie in den armen Ländern verkaufen, auch dort produzieren. Wir unterstützen solche Unternehmen und öffnen ihnen die Türen zu unseren Netzwerken.

Trotz den ganzen politischen Aufgaben gibt es auch noch eine private Dagmar Wöhrl, die sich in einer ganzen Reihe Ehrenämter engagiert. Um ohne Wertung nur einige Ehrenämter zu nennen: Sie sind Präsidentin des Tierschutzvereins Nürnberg-Fürth, Stiftungsrätin der Emanuel Wöhrl Stiftung, Mitglied des Vorstandes der Deutsch-Atlantischen Gesellschaft, Mitglied des Hochschulrates der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, Gründungs- und Vorstandsmitglied cnetz – Verein für Netzpolitik und Kuratoriumsmitglied von Aktion Deutschland Hilft. Wie schaffen Sie das alles?

Das muss man zeitlich relativieren. Als Vorstand oder Vorstandsmitglied tagt man ja nicht jede Woche. Da kann ich einiges in meiner, zugegeben etwas knappen Freizeit abarbeiten. Aber alle meine Ehrenämter sind mir ans Herz gewachsen, ich mache es gerne, also ist es für mich keine Belastung.

Als Präsidentin des Tierschutzvereins Nürnberg-Fürth mischen Sie aber richtig aktiv mit, habe ich mir sagen lassen. Der Verein hat mit knapp 30 Mitarbeitern und vielen freiwilligen Helfern immerhin die Größe eines Mittelstandsunternehmens.

An den meist herrenlosen Tieren hängt nun mal mein Herz. Und am Verein und den Mitarbeitern sowieso. Denken Sie an den Satz meines Mannes:  „Man kann nicht nur in der Gemeinschaft leben, man muss auch etwas für sie tun!“ Der Tierschutz ist für mich ein wichtiges Thema, für das ich auch mal streite. Ein Tier ist nun einmal ein Lebewesen, das Hunger und Schmerz spürt. Ein Tier ist kein gefühlloses Ding oder ein Gegenstand.

Zudem müssen wir uns nicht ganz uneigennützig um die Tiere kümmern. In den großen Städten zum Beispiel nehmen herrenlose Katzen quantensprungartig zu. Mehrere tausend herrenlose Katzen sind keine Seltenheit. Die meisten Tiere sind nicht kastriert, so dass die Population von Monat zu Monat zunimmt. Diese Katzen ernähren sich hauptsächlich aus dem Müll. Die Folge davon sind unweigerlich Seuchen und Krankheiten, die auch auf Menschen übertragen werden können. Das ist ein Problem, dem wir uns nicht einfach verschließen dürfen.

Kommen wir abschließend zu einem Thema, über das Sie auf der einen Seite nicht gerne sprechen, auf der anderen Seite wollen und müssen Sie kommunizieren, wie Sie mit einem tragischen tödlichen Unfall Ihres damals knapp 13 Jahre alten Sohn Emanuel umgehen.

Der traurigste Moment in meinem Leben, der plötzliche Tod unseres geliebten Sohnes Emanuel wurde gleichzeitig zur Geburtsstunde unserer Stiftung, die seinem Namen Ehre machen soll.

Wir können Emanuel nicht mehr zurückholen, aber wir wollen mit der Stiftung, die seinen Namen trägt, anderen Kindern und Jugendlichen im In- und Ausland helfen. Die Emanuel-Wöhrl-Stiftung setzt sich für die Schwächsten der Gesellschaft – die Kinder – ein. Sie sind diejenigen, die Leid am schlimmsten erfahren, denn Selbsthilfe ist im Kindesalter nicht möglich. 

Sei es in Entwicklungsländern, wo oftmals schon die Ernährung oder die medizinische Grundversorgung große Probleme darstellen oder in Deutschland, wo immer mehr Kindern aus den unterschiedlichsten Gründen die Chance auf ein erfülltes Leben ohne Hilfe verwehrt ist.
Wir wollen Kindern eine Zukunft geben. Dabei sind wir auf möglichst viele engagierte Mitstreiter angewiesen. Ich würde mich freuen, wenn unter Ihren Leserinnen und Lesern Menschen sind, die, in welcher Form auch immer, Kindern in Not helfen. Denn jedes einzelne Kind ist die Zukunft unserer Welt.

Danke Dagmar Wöhrl für das offene Gespräch. Und gute Besserung dem kaputten Knie.

Download PDF Version des Interviews; Auszug aus 01/2013 Network Karriere
www.network-karriere.com

Dagmar Wöhrl Interview mit Network-Karriere

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