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Dieser Artikel stammt aus der Zeit meiner politischen Arbeit bis Oktober 2017 und kann überholte Informationen enthalten.

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Experten-Roundtable zum Tierschutzunterricht. Eine Liebe fürs Leben. – Tiere Live, 19.09.2015

Das Magazin Tiere Live hat für seine September Ausgabe einen Runden Tisch mit Experten zum Thema „Tierschutzunterricht. Eine Liebe fürs Leben“ veranstaltet, zu dem auch Dagmar Wöhrl eingeladen war.

Moderiert wurde das Gespräch von Nina Ruge (Moderatorin, Autorin und Tierbesitzerin) weitere Gesprächspartner und Experten sind: UDO KOPERNIK (Pressesprecher des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH)) , DR. KATJA LEHMANN (Tierärztin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und Tierschutzlehrerin der Initiative „Liebe fürs Leben – Tierschutzunterricht für Grundschüler“) und MARIUS TÜNTE (Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit)

Tierschutzunterricht an einer Grundschule im Rahmen des Projektes LIEBE FUERS LEBEN

Tierschutzunterricht an einer Grundschule im Rahmen des Projektes LIEBE FUERS LEBEN

 

Nina Ruge
Heute behandeln wir ein ganz besonderes Thema. Liebe fürs Leben – und damit ist die Liebe zum Tier gemeint, solange es lebt. Und lebenslange Liebe ist leider nicht immer selbstverständlich. Sie als Experten wissen, wie die Liebe wachsen kann und was sie zerstört. Die Initiative „Liebe fürs Leben“ ist ein Tierschutzunterricht für Grundschüler, der vom Tierfuttermittelhersteller Purina und dem Bundesverband praktizierender Tierärzte, bpt, getragen wird. Um einschätzen zu können, wie wichtig eine derartige Initiative ist, würde ich gerne als Erstes wissen, wie sich das Fehlen von Tierschutzerziehung derzeit niederschlägt. Stichwort Tierheime, Stress auf Hundewiesen, Leid von Haustieren und ihrer Menschen …

Dagmar Wöhrl, MdB
Tierschutzunterricht ist meines Erachtens sehr wichtig und sinnvoll. Bis jetzt  entscheidet der einzelne Fachlehrer, ob er Tierschutz unterrichtet oder nicht. Es ist daher an der Zeit, die Kultusministerien aufzufordern, Tierschutz als festen Bestandteil in die Lehrpläne mit  aufzunehmen. Seit vielen Jahren bin ich Präsidentin des Tierheims Nürnberg und merke immer wieder, wie wichtig  Tierschutzerziehung für die Persönlichkeitsbildung von Kindern ist. Durch eine frühzeitige Sensibilisierung für den Tierschutz lernen Kinder für Schwächere einzutreten, sich zu engagieren und verantwortungsbewusst zu handeln. Zwar bieten einige Schulen bereits Tierschutzunterricht an, es könnten aber noch viel mehr Schulen sein.
Kinder sind die Tierbesitzer von morgen und das sollte man sich vor Augen halten. Viele Kinder haben Berührungsängste und oftmals gar keinen Bezug mehr zu Tieren. Sie wissen gar nicht, was es heißt, ein eigenes Haustier zu haben und welche Verantwortung man dafür übernehmen muss.

Dr. Katja Lehmann
Ich kann mich Frau Wöhrl da uneingeschränkt anschließen. Zum einen, was die Sozialkompetenzen angeht, die es bei Kindern zu fördern gilt. Zum anderen ist aber auch viel Angst und Unsicherheit bei den Kindern zu spüren. Das ist auch einer der Gründe, warum wir im Unterricht nicht mit echten Tieren arbeiten, sondern große Stofftiere verwenden. Einerseits wäre es für Tiere eine Zumutung, die ganze Woche mit der Tierschutzlehrerin auf Achse zu sein. Und andererseits gehen die Kinder so viel unbefangener an die Sache heran und trauen sich auch selbst auszuprobieren, wie man beispielsweise eine Katze richtig hochhebt oder sich einem fremden Hund nähert.

Nina Ruge
Thema ist also unter anderem: Wie nähere ich mich einem Hund, insbesondere einem größeren Hund?

Dr. Katja Lehmann
Ja genau, das ist auf jeden Fall ein Teil des Unterrichts. Wir üben mit den Kindern das richtige Verhalten und besprechen die Körpersprache von Hunden, damit sie lernen, Signale richtig zu deuten. Das geht auch in Richtung Beißprävention, worüber ja auch ständig debattiert wird und wovor natürlich jeder sein Kind schützen möchte. Damit sind die Eltern aber tatsächlich überfordert. Aber wir beschäftigen uns nicht nur mit Hunden, sondern mit allen möglichen Heimtieren, ihren Eigenarten, Bedürfnissen und Verhaltensweisen. Auf Wunsch greifen wir auch sehr spezielle Themen in den Klassen auf, neulich hatten wir beispielsweise einen Unterricht zum Thema Truthahn.

Nina Ruge
Wie ist die aktuelle Situation in Tierheimen und mit ausgesetzten Tieren? Kinder bekommen ja manchmal ganz spontan eine Katze, einen Hund oder ein Kaninchen geschenkt. Da spielt die Unwissenheit sicherlich eine große Rolle.

Udo Kopernik
Wir haben beim VDH eine ähnliche Initiative entwickelt, die sich speziell mit Hunden beschäftigt, und spüren die Auswirkungen des Fehlens eines bundesweit organisierten Tierschutzunterrichtes ganz deutlich, wenn wir mit unserem Programm zum Umgang mit dem Hund in Schulklassen gehen. Es ist erschreckend, wie wenig die Kinder zum Teil über den Hund wissen. Meine Erfahrung ist darüber hinaus aber auch, dass die Eltern zum Teil ganz stark die Brücke zur Natur aus den Augen verloren haben. Insofern sind derartige Initiativen toll, denn es gibt ja nicht nur den Hund, sondern viele Haus- und Nutztiere. Wir haben das Problem, dass der Respekt vor dem Tier häufig verloren wurde, weil das in unserer Gesellschaft nicht mehr zur Alltagserfahrung gehört und auch nicht mehr von den Eltern vermittelt wird. Daher gibt es hier definitiv ein Defizit, das durch solche Initiativen wieder ausgeglichen werden kann.

Nina Ruge
Da kommt Herr Tünte vom Deutschen Tierschutzbund natürlich genau mit den Erfahrungen ins Spiel, die die Auswirkungen von mangelndem Tierschutzbewusstsein mit sich bringen. Denn Sie sind ja auch für Tierheime zuständig.Wie sieht es da aktuell aus?

Marius Tünte
Man merkt schon, dass Kinder immer wieder den Wunsch nach einem Haustier haben. Manchmal kleine Haustiere, teilweise aber auch sogenannte Exoten. Eltern geben dann, oftmals auch aus Unwissenheit, oft nach. Die Kinder achon in der Schule zu sensibilisieren, was für eine Verantwortung für ein Tier übernommen werden muss, ist daher ganz wichtig. Leider gibt es kaum noch die Möglichkeit, z. B. mal einen Bauernhof anzuschauen mit einer Schulklasse.
So einen Besuch kann man in der Schule gut reflektieren, ebenso wie die Annäherung von z. B. muslimischen Kindern an Tiere, da das Halten von Tieren bei muslimischen Familien meist nicht zum Alltag gehört, wie das bei deutschen Familien der Fall ist.

Nina Ruge
Und wie sieht die Situation in Tierheimen aus? Spiegelt sich die immer stärkere Entfremdung von Mensch und Natur auch im verantwortungslosen Kauf und ebenso schnellen Aussetzen oder Weggeben wieder?

Marius Tünte
Auf jeden Fall. Wir sehen das gerade zu Weihnachten, Ostern, Geburtstag, Kommunion etc., dass immer noch sehr oft Tiere verschenkt werden, ohne dass das wichtig vorbereitet wurde. Die ersten Wochen sind dann vielleicht ganz ok, wenn das Tier aber anfängt, Arbeit zu machen oder sich das Hobby ändert oder in der Schule eine andere AG angeboten wird, dann lässt das Interesse schnell nach und die Tiere landen im Tierheim. Hier sprechen wir natürlich von den Klassikern Hund, Kaninchen und Katze. Aber natürlich besteht die Problematik auch dann, wenn über die Medien, speziell übers Fernsehen, spezielle Hunderassen suggeriert werden, der Hund dann aber ganz andere Ansprüche hat, als man sie erfüllen kann. Ähnlich ist es mit Exoten und Wildtieren. Die Tiere landen meist in Tierheimen. Deshalb ist es enorm wichtig, in Schulen anzusetzen und die Kinder dahingehend zu unterrichten, was wirklich nötig ist, um ein Tier auch halten zu können.

Dr. Katja Lehmann
Und genau da greift auch der „Liebe fürs Leben“-Tierschutzunterricht. Wir wollen die Kinder zur Reflektion anregen, ob sie wirklich bereit sind, ein Haustier bei sich aufzunehmen und ob sie ihm das bieten können, was es braucht. Dafür ist eine umfassende Information im Vorfelde das A und O. Es geht darum, Tiere als fühlende Wesen zu begreifen und sich bewusst zu machen, dass sie eigene Bedürfnisse haben, die ich im Vorfeld kennen muss.

Nina Ruge
Die Initiative „Liebe fürs Leben“ setzt bei Grundschülern an und ich denke, es ist ein hoher Anspruch, den Kindern artgerechtes Halten von Tieren und Respekt vor Tieren beizubringen. Wie setzen Sie das bei sechs- bis zehnjährigen Kindern um?

Dr. Katja Lehmann
Insgesamt werden die Unterrichtsinhalte sehr spielerisch und kindgerecht vermittelt. Der Unterricht ist sehr lebendig, d. h., die Kinder sollen möglichst viel selbst entwickeln, entdecken und erforschen, denn das garantiert Nachhaltigkeit. Der Unterricht lebt also wirklich vom Mittun. Man sieht, dass Tiere bei Kindern unheimlich schnell Begeisterung hervorrufen. Die Kinder wollen das auch lernen. Und sie wollen sich richtig verhalten und richtig mit dem Tier umgehen. Wir arbeiten zum einen mit unserem Unterrichtsmaterial in dem sich verschiedene Übungen, Forscheraufträge und ein Tierfreunde-Quiz befinden. Zum anderen spielen wir, es gibt z. B. ein sogenanntes Futterspiel, und üben im praktischen Teil, wie bereits erwähnt, Dinge wie richtiges Hochheben oder Streicheln.

Nina Ruge
Wie lang ist so eine Unterrichtseinheit? Sie geben ja auch Unterrichtsmaterialien für Lehrer heraus.

Dr. Katja Lehmann
Zunächst muss man sagen, dass der Unterricht auf das Alter und das Vorwissen der Kinder abgestimmt wird. Es gibt Lehrer die sich schon im Vorfeld einbringen und die Kinder vorbereiten, aber insgesamt ist das sehr unterschiedlich.
Der normale Unterrichtsbesuch umfasst in der Regel zwei Schulstunden, also 90 Minuten. In diesen 90 Minuten kann man durchaus die wichtigsten Haustiere vorstellen, kann auf Exoten eingehen und auf die Bedürfnisse von Tieren, und auch versuchen, den Kindern die Sprache der Tiere zu erklären. Darüber hinaus kommen wir aber auch sehr gerne über einen längeren Zeitraum in die Schule, z. B. für Projektwochen oder in die Ferienbetreuung. Wir sind da sehr flexibel. Das Unterrichtsmaterial stellen wir den Schulen zur Verfügung. Viele Lehrer nutzen die enthaltenen Kopiervorlagen zur Vor- oder Nachbereitung des Unterrichtsbesuchs, wir Tierschutzlehrer haben zusätzlich noch eigene Unterlagen. Das schöne ist, dass das Unterrichtsmaterial über mehrere Jahrgänge eingesetzt werden kann, da es unterschiedliches Niveau beinhaltet. Manche Sachen sind eher für erste Klassen geeignet, andere eher für vierte Klassen.

Nina Ruge
Was sind ihre wichtigsten Lehrziele, die Sie in diesen 90 Minuten vermitteln wollen?

Dr. Katja Lehmann
Das allerwichtigste ist, dass die Kinder erkennen, dass Tiere Mitgeschöpfe sind, die genau wie sie selbst Schmerz, Freude, Angst oder auch Langeweile empfinden können. Wenn das in einem Kind grundgefestigt ist, dann ist es auch für alles andere offen und schaut viel genauer und auch kritischer hin, wenn es mit einem Tier zusammentrifft. Ebenso wichtig ist sorgfältige Information. Die Kinder und ihre Eltern sollen mit Bedacht an die Anschaffung eines Haustiers herangehen und genau prüfen, ob alle Voraussetzungen erfüllt sind.

Marius Tünte
Wir bilden Lehrer im Bereich Tierschutz weiter und gerade in den Grundschulen kann man Tierschutz sehr gut über unterschiedliche Fächer vermitteln. Wenn man das Lernziel Mitgeschöpflichkeit und Verantwortung ansetzt, dann kann man dieses Ziel in verschiedenen Fächern, wie z. B. im Sachkundeunterricht, in Ethik, in Religion und in Deutsch, unterbringen. Da bietet eine Schule viele Möglichkeiten und vielleicht weiterführend eine AG an, im Rahmen derer man auch außerhalb der Schule sehr interessierten Kindern auch noch mehr Einblicke verschaffen kann. Gerade in Grundschulen sind auch Exkursionen
immer toll und eigentlich sollte ruhig jede Grundschule einmal in ein Tierheim gehen oder sich einen Bauernhof anschauen.

Nina Ruge
Wie wird das Ihrer Erfahrung nach angenommen?

Marius Tünte
Wir haben bei den Lehrern, die wir ausbilden, die Erfahrung gemacht, dass es sehr gut angenommen wird. Es hängt natürlich viel vom Engagement des einzelnen Lehrers ab, aber auch von den Ressourcen, denn das ist ja auch nicht immer ganz einfach. Grundsätzlich wird Tierschutzunterricht aber sehr gut angenommen. Gerade wenn z. B. Hunde für den Unterricht ausgebildet werden, entwickeln die Kinder schnell ein sehr gutes Gespür dafür, wann der Hund gestresst ist und hören dann auch sehr gut auf die Vorgaben des Lehrers, wie man mit dem Tier umgehen soll.

Nina Ruge
Wie sehr sind Sie gebucht?

Dr. Katja Lehmann
Das Projekt „Liebe fürs Leben“ ist sehr beliebt und mittlerweile findet eigentlich täglich irgendwo in Deutschland mindestens ein Unterricht statt. Und mit jedem Jahr steigt die Zahl der Klassen, die den Unterricht buchen, daher sind wir auch sehr glücklich über das Engagement so vieler Tierärzte des bpt, unseres Kooperationspartners, die für „Liebe fürs Leben“ in ihrer Region im Einsatz sind. Viele Schulen besuchen wir inzwischen sogar regelmäßig. Im letzten Jahr haben wir etwa 8.000 Kinder erreicht. Diese positive Resonanz auf das Angebot des Tierschutzunterrichts freut uns natürlich sehr, er wird übrigens bundesweit und kostenlos angeboten.

Nina Ruge
Bisher ist ja in den Lehrplänen, soweit ich informiert bin, Tierschutzunterricht durch die Kultusministerien der Länder nicht verpflichtend vorgegeben.

Dagmar Wöhrl, MdB
Nein, das bleibt bislang dem jeweiligen Fachlehrer vorbehalten. Da ich schon seit 16 Jahren dem Tierheim Nürnberg vorstehe und ich mich noch viel länger für den Tierschutz engagiere, kann ich aber berichten, was unser Tierheim in Nürnberg für die Tierschutzerziehung tut. Seit einigen Jahren bieten wir Kindergärten und Grundschulen Tierschutzunterricht vor Ort an. Da gerade Praxisbezug und Anschaulichkeit für Kinder sehr wichtig sind, sind Hunde hier dabei. Kinder erleben so eine direkte Interaktion mit den Tieren. Viele Kinder kommen hier zum ersten Mal mit einem Hund in Berührung. Darüber hinaus bieten wir Projekttage für Schulklassen, d. h., die Schüler kommen zu uns, helfen bei der täglichen Arbeit, bauen Tierunterkünfte wie Kaninchentunnel oder Hundehütten und bekommen dadurch ein sehr gutes Gespür für die Tiere. Seit zwei Jahren gehen wir auch aktiv in Schulen, vor allem in sozialen Brennpunkten. Dafür haben wir ein Konzept für die siebte Klasse entwickelt. In einem ersten theoretischen Teil wird über den Hund im Allgemeinen gesprochen, über verschiedene Rassen oder Haltungsfragen. Der zweite Teil ist ein Praxisteil, bei dem jeder Schüler einen Hund zugeteilt bekommt, mit dem er verschiedene Aufgaben erlernt, wie zum Beispiel Gassi gehen an der Leine. Zum Abschluss machen wir eine gemeinsame Wanderung mit der Klasse und den Hunden. Es ist jedes Mal schön zu beobachten, wie sich gerade in diesen sozialen Brennpunkt-Klassen eine Teamarbeit zwischen den Schülerinnen und Schülern entwickelt. Sie entwickeln mehr Feingefühl im Umgang miteinander, wenn die Hunde dabei sind. Ich glaube daher schon, dass das die Kinder positiv prägt.

Nina Ruge
Sie stehen alle vier für ganz wunderbare Initiativen pro Tierschutzerziehung und Tierschutzkompetenz von Schülern. Sind Sie, Frau Wöhrl, dafür, dass Tierschutzunterricht in die Lehrpläne verpflichtend aufgenommen wird?

Dagmar Wöhrl, MdB
Ja, in jedem Fall. Wir sind dahingehend auch schon tätig, damit das Thema in die Kultusministerkonferenzen aufgenommen wird. Im Parlament gibt es eine Gruppe von Abgeordneten, die sich das erste Mal in dieser Legislaturperiode zusammengeschlossen haben, um sich parteiübergreifend um das Thema Heimtiere zu kümmern und dazu Initiativen zu entwickeln.

Nina Ruge
Ich nehme an, Sie alle sind dafür, dass, obwohl die Lehrpläne bereits richtig voll sind, Tierschutz verpflichtend mit aufgenommen werden muss.

Dr. Katja Lehmann
Ich finde das sehr wichtig. Ich glaube auch, dass die meisten Grundschullehrer den Haustierunterricht bereits in irgendeiner Form unterbringen. Nur kommt der Tierschutzgedanke in dem Sinne meist leider zu kurz, dass die Kinder für die unterschiedlichen Bedürfnisse und Anforderungen der vielen Haustierarten und den richtigen Umgang mit ihnen sensibilisiert werden. Dabei werden gerade aus Unwissenheit oft Fehler in der Heimtierhaltung gemacht. Wenn das ein bisschen verpflichtender wäre und nicht so sehr vom einzelnen Lehrer abhängig, wäre das schon toll.

Marius Tünte
Da kann ich mich nur anschließen. Um dem Verfassungsrang, den der Tierschutz hat, gerecht zu werden und für eine Kontinuität zu sorgen, damit die Initiative an einer Schule nicht z. B. stoppt, wenn ein Lehrer die Schule wechselt, wäre die Verankerung in den Lehrplänen enorm wichtig. Es gibt zwar Möglichkeiten für Lehrer und Schulleiter das zu implementieren, aber eine offizielle Verankerung würde da noch viel mehr Möglichkeiten schaffen.

Dagmar Wöhrl, MdB
Das ist sehr wichtig, denn wenn es im Grundgesetz als Staatsziel steht, hat man damit auch einen gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag, den man aus diesem Artikel heraus entwickeln muss.

Udo Kopernik
Das Dilemma ist, dass wir es hier mit den Bundesländern zu tun haben. In Deutschland muss man das in jedem einzelnen Bundesland durchsetzen. Wir haben vor vielen Jahren ein Unterrichtsprogramm entwickelt und es war wirklich ein steiniger Weg, das von Bundesland zu Bundesland als offizielles Lernmittel anerkennen zu lassen. Aber das ist der Weg. Steht es dann als Lernmittel im Katalog, greifen die Lehrer gerne darauf zu. Nun kennen wir uns zwar nur mit Hunden aus, aber es ist uns trotzdem ein Anliegen, dass der Tierschutz auch für Heimtiere und Exoten usw. in den Schulen betrieben wird. Denn auch da passiert eine Menge. Ein weiteres Problem ist diese ewige Schnäppchenhaltung, die sich leider auch aufs Tier ausgedehnt hat. Wenn die Tierheime später recherchieren, sind es fast immer Tiere aus Internetkäufen, die dann im Tierheim landen.

Nina Ruge
Ich würde gerne kurz nochmal zu dem Thema Lernziele zurückkommen und wissen, welche Ziele Sie über den Grundschulunterricht hinaus für wichtig halten. Wenn wir davon ausgehen, dass der Tierschutz, der im Grundgesetz verankert ist, als Bildungsauftrag in die Schulen gehen soll, welche Aspekte wären dann zusätzlich zu denen, die wir schon von Frau Dr. Lehmann gehört haben, noch wichtig zu vermitteln?

Dagmar Wöhrl, MdB
Man muss natürlich die verschiedenen Altersgruppen und auch den Wissensstand berücksichtigen. In der Grundschule ist kindgerechter Unterricht mit Rollenspielen und Geschichten gefragt, um Berührungsängste abzubauen. In der Sekundarstufe I kann man bereits zu sachlicheren Informationen übergehen. Dort gewinnen das Überdenken und Anregen des eigenen Handelns eine viel größere Bedeutung. In höheren Klassenstufen werden dann auch komplexe Zusammenhänge zwischen Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz relevant.

Nina Ruge
Da gehört sicher auch der Welpenhandel dazu, also die Zusammenhänge aufzuklären, wer da welches Geschäft macht, wie die Tiere leiden und in welchem Zustand die Tiere hier ankommen.

Dagmar Wöhrl, MdB
Der Welpenhandel ist ein Thema für sich. Da wir im Tierheim Nürnberg über das einzige Welpenhaus in ganz Europa verfügen, werden viele Tiere aus illegalen Welpentransporten zu uns gebracht. Alleine in diesem Jahr haben uns fünf Welpentransporte mit teilweise 80 bis 90 Welpen erreicht. Das ist ein Thema, zu dem ich inzwischen schon Gespräche mit dem Zoll geführt habe. Aber auch der Gesetzgeber ist gefragt, um eine Verschärfung der Strafen zu erreichen. Die illegalen Welpentransporte stellen die Tierheime mittlerweile vor enorme finanzielle Herausforderungen. Ein Welpentransport schlägt bei uns mit 150.000 Euro zu Buche. Das Problem ist, dass wir nicht die Eigentümer der Tiere sind. Wir können die Welpen monatelang nicht vermitteln, weil die Eigentumsfrage nicht geklärt ist oder diejenigen, die den skrupellosen Handel mit den kleinen Hundebabys betreiben, weiterhin als Eigentümer gelten. Leider wird das Tier immer noch als Sache betrachtet.

Nina Ruge
Also ein wirklich wichtiges Thema für die Sekundarstufe I und II. Das wäre sicher ein guter und auch wichtiger Projektunterricht, in dem man entwickeln kann, welche Handelsströme auf Kosten des Tierschutzes und des Tierwohls aus reiner Profitgier durchgezogen werden. Wie sieht es mit Straßenhund- und Straßenkatzenproblematik im Ausland aus, wie z. B. in Spanien Wäre das ein wichtiges Thema für den Unterricht?

Dr. Katja Lehmann
Viele Kinder erzählen auch von sich aus von ihren Urlauben oder haben auch Familie im Ausland und erzählen, wie das z. B. bei ihrem Papa in der Türkei ist. Da gibt es also schon sehr viel, was die Kinder selbst berichten und so kommt man dann auf das Thema Tierheim und Tiervermittlung.

Marius Tünte
Ich denke auch, dass das ein gutes Thema ist, weil man dabei den Bogen zum eigenen Engagement spannen kann, insbesondere zum ehrenamtlichen Engagement. Man sollte fördern, dass Kinder früh das Gefühl dafür entwickeln, dass sie nicht die ganze Welt bewegen müssen, dass sie aber im Kleinen vor Ort oder im Urlaub aktiv werden können, indem sie sich engagieren. Und es ist ja auch für die Kinder ein tolles Feedback, wenn sie sich im Tierheim engagieren oder sich für ein Straßenhundeprojekt einsetzen. Das gibt den Kindern Selbstbewusstsein. Insofern wäre das für mich noch ein guter Ansatzpunkt, den man über Tierschutzunterricht vermitteln könnte.

Nina Ruge
Ich finde ja auch das Thema Kastration enorm wichtig. Doch für viele Kinder ist das Thema sicherlich zunächst abschreckend. Wenn man aber wiederum die älteren Schüler z. B. mit dem Thema wild lebende Katzen in Deutschland konfrontiert, könnte das durchaus interessant sein, Stichwort „unkontrollierte Vermehrung und folglich Verelendung“. Ist das ein Thema, das Sie als wichtig für den Unterricht erachten?

Dagmar Wöhrl, MdB
Ich denke, dass es primär wichtig ist, Themen aufzugreifen, auf die Kinder auch einen direkten Einfluss nehmen können. Sicherlich ist das Thema Kastration bei verwilderten Katzen ein sehr Wichtiges. Dennoch glaube ich, dass wir in der Schule zunächst einmal beim richtigen Umgang, der artgerechten Haltung und unserer Verantwortung gegenüber Tieren ansetzen sollten. Wir müssen vermitteln, dass Tiere Mitgeschöpfe auf unserer Erde sind, die einen Wert haben und wir uns ihnen gegenüber entsprechend verantwortungs und respektvoll verhalten müssen. Alle anderen Themen, wie die Herstellung von Kosmetika oder die Pelztierhaltung sind natürlich auch wichtig, für die Schule aber erst im zweiten Schritt. Zunächst sollte hier die Empathie und Wertschätzung zwischen Mensch und Tier entwickelt werden.

Nina Ruge
Was sind für Sie die Themen die möglichst brennend an die Kultusministerien herangetragen und in den Lehrplänen umgesetzt werden sollten?

Udo Kopernik
Brennend finde ich die Tatsache, dass wir den guten Bezug zum Tier tatsächlich verlieren und das auf allen Ebenen. Das fängt beim Hamster an und ist beim Hund dann ganz deutlich zu sehen, weil der Hund das Tier ist, das uns am nächsten auf die Pelle gerückt ist und sogar mit uns ins Bett darf. Da entsteht natürliche eine Ambivalenz, denn auf der einen Seite will man den Kindern vermitteln, dass so ein Hund etwas ganz Tolles ist und er ihren Lebensalltag und ihre Lebenserfahrung in ganz entscheidender Weise bereichern kann, auf der anderen Seite haben wir das Problem, dass selbst viele Eltern eine sehr vermenschlichte Sicht auf das Tier entwickeln. Und es ist eben auch eine Tierschutzfrage, dass man das nicht übertreibt und die Tiere damit nicht überfordert. Deshalb denke ich, dass in den Grundschulen der Praxisbezug und das Herstellen des Kontaktes zum Tier ganz wichtig sind. Damit verbunden natürlich auch das Nehmen der Angst und das Aufbauen eines Verantwortungsbewusstseins

Nina Ruge
Wenn wir nun eine Resolution verabschieden würden, die für „tiere life“ den Tierschutzgedanken in die Schule bringen soll, was wären dann Ihre wichtigsten Forderungen? Mehr Tierschutzunterricht an die Schulen in allen Altersstufen? Mehr Schüler rausgehen lassen in Tierheime und Exkursionen verschiedenster Art?

Udo Kopernik
Vor allem sollte es fachübergreifend realisiert werden, denn Tierschutz ist nicht nur Biologie und auch nicht nur Umgang mit dem Hund in Grundschulen. Tierschutz zieht sich durch alle Fächer. Es müsste zuvor jemand einen klugen Plan erarbeiten, damit das alles dann auch ineinander verzahnt wäre.

Marius Tünte
Ich glaube auch, dass das Thema von der ersten Klasse bis zum Schulabschluss implementiert werden müsste. Gerade beim Zentralabitur, bei dem der Rahmen relativ fix ist, wäre es gut, wenn Tierschutzunterricht von der ersten Klasse an bis zu den weiterführenden Schulen aufbauend durchgeführt wird. Auch beim Thema Tierversuche, das wir bisher noch nicht angesprochen haben, wäre es natürlich schön, wenn man in der Oberstufe das Thema Mitgeschöpflichkeit und Respekt für die Tiere mit einbringen könnte.

Nina Ruge
Da haben wir dann schon ein sehr umfassendes Programm in unserer Resolution! Zum Schluss würde ich noch gerne wissen, wie Sie die Initiative Liebe fürs Leben – Tierschutzunterricht in Grundschulen bewerten, die ja kostenfrei für Schulen vom Futtermittelhersteller Purina und dem bpt, also dem Bundesverband praktizierender Tierärzte, ins Leben gerufen wurde und auch finanziert wird.

Dr. Lehmann
Vorher würde ich gerne noch sagen,dass Purina und der bpt diese Initiative finanzieren und auch die Unterrichtsmaterialen zur Verfügung stellen, ohne dabei Werbung oder ähnliches in den Schulen für sich zu machen. Die Grundschulen können uns Tierschutzlehrer kostenfrei buchen, wobei wir eine festangestellte Lehrerin haben und viele Tierärzte, die das regional unterstützen und auch Unterricht halten. Diese Tierärzte gehören dem Bundesverband praktizierender Tierärzte an und haben sich dieser Initiative ehrenamtlich angeschlossen.

Nina Ruge
Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn oft wird ja vermutet, dass Unternehmen, wenn sie eine Initiative unterstützen, massive Eigeninteressen verfolgen. Deshalb ist es wichtig, hier auch nochmal herauszuheben, dass diese Initia in Schulen mit keinerlei Werbung oder Kosten verbunden ist, sondern es wirklich nur um den guten Zweck geht.

Dagmar Wöhrl, MdB
Da brauchen die Schulen aber natürlich zunächst einmal die Information, dass es das gibt.

Dr. Lehmann
Ja, das stimmt. Die Initiative „Liebe fürs Leben“ wird durch Beiträge in den Medien publik gemacht, insbesondere die lokalen Medien zeigen da großes Interesse an unserem Projekt. So werden viele Grundschulen deutschlandweit auf uns aufmerksam und können sich über die Homepage www.liebefuersleben.net weiter informieren oder melden sich einfach telefonisch bei dem „Liebe fürs Leben”-Team. Die Grundschulen werden aber auch direkt von der Initiative über ihr kostenloses deutschlandweites Projekt angeschrieben und können sich dann bei Interesse melden.

Udo Kopernik
Wir führen unsere Aktion Helfer auf vier Pfoten nun auch schon seit 2002 durch und haben quer über Deutschland verteilt über 300 ehrenamtliche Helfer mit ausgebildetem Hund laufen, sodass jeder Helfer mindestens einen Hund mit in die Klassen nehmen kann. Und auch bei uns gibt es einen Futtermittelhersteller, der das unterstützt und ebenfalls nicht groß in den Vordergrund tritt. Der Deutsche Tierschutzbund macht so etwas ja auch, sodass es wohl durchaus zu überlegen wäre, ein Netzwerk zu gründen und das Ganze etwas zu koordinieren, denn je mehr solcher Initiativen es werden, desto besser ist die
Wirkung natürlich.

Marius Tünte
Ja, auch der Deutsche Tierschutzbund bildet Tierschutzlehrer aus. Wir haben dazu fünf Module im Jahr, bei denen Tierschutzthemen didaktisch aufbereitet und so Lehrer und auch Leute, die im Tierheim arbeiten, ausgebildet werden. Insofern würde ich alle diese Initiativen im Abitur mit 15 Punkten bewerten und in der Grundschule mit einem Stempel mit Daumen hoch und Smiley. Ich denke aber auch, dass wir viel mehr solcher Initiativen bräuchten. Und wenn es da eine Vernetzung geben würde, wäre das sicher von Vorteil, um auf das Thema besser aufmerksam machen zu können, die Lehrer zu animieren und auch zu zeigen, dass das Thema umsetzbar ist.

Nina Ruge
Ja, die Anregung einer Vernetzung sollte man auf jeden Fall aufgreifen, das könnte tatsächlich ein entscheidender Schritt nach vorne sein. Insofern wäre es schön, wenn sich nach diesem aufschlussreichen Gespräch vielleicht noch einiges Greifbares ergeben würde. Vielen Dank.

Weiterführende Informationen:

DR. KATJA LEHMANN
Infos zu Liebe fürs Leben – Tierschutzunterricht für Grundschulen unter www.liebefuersleben.net
Unterricht: Der Tierschutzunterricht Liebe fürs Leben wird individuell mit der Grundschule abgesprochen, kann als Unterrichtseinheit, als Projektwoche sowie als Ferienbetreuung angeboten werden und je nach Wunsch alle oder einzelne Heimtiere von Hund über Pferd bis hin zu Kaninchen oder Exoten behandeln

DAGMAR WÖHRL, MDB
Tierheimpraktikum: Wie das Tierheim Nürnberg bieten viele Tierheime Praktikumsplätze und Schnuppertage für Schüler an und führen auch Führungen von Schulklassen durch. Infos zum Tierheim Nürnberg unter www.tierheim-nuernberg.de
Helfer: Ehrenamtliche Helfer werden immer gesucht und sind herzlich willkommen.

MARIUS TÜNTE
Infos zur Tierschutzlehrer-Ausbildung des Deutschen Tierschutzbundes unter  www.jugendtierschutz.de/tierschutzlehrer

UDO KOPERNIK
Infos zu den Helfern auf vier Pfoten unter www.helfer-auf-vier-pfoten.de
Broschüre „12 Regel für den Umgang mit Hunden“, Download unter www.vdh.de/hundehalter/kind-hund

Nachweis Bildquelle

Initiative „Liebe fürs Leben – Tierschutz- unterricht für Grundschüler“, Magazin Tiere Live. 

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