Politiker sind keine Maschinen – Wie es ist, von sich in der Presse zu lesen

20130504-Dagmar-Woehrl-TabletZu Beginn sei klargestellt: ich möchte weder Mitleid, noch Sympathie. Ich bin ja schließlich Politikerin. Ich möchte nur darüber schreiben, wie es ist, als Politiker Artikel über die eigene Person zu lesen.

Auf diese Idee brachte mich eine Freundin, die mich vor ein paar Tagen morgens ganz aufgebracht anrief, nachdem sie einen relativ negativen Bericht über meine Person gelesen hatte. „Dagi, wie hältst du das nur aus? Ich musste Dich einfach anrufen.“

Tja, gute Frage.


Als langjährige Politikerin erwarte ich ja nicht viel. Wenn ich Glück habe, wird in der lokalen Presse über meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete oder über eine Veranstaltung berichtet. 

Wenn man nicht Bundesminister oder Querulant ist, wird es schon schwieriger Gehör in der bundesweiten Presse zu finden.

Es sei denn, ein „vermeintlicher“ Skandal wurde ausgemacht.



Es kommt ein Anruf von meinem Büro: „Guten Morgen, Chefin. Es kam gerade ein Fragenkatalog von einem großen Presseunternehmen. Wir haben Dir das Ganze mal weitergeleitet.“ Oha, dachte ich mir. Dies kann nichts Gutes heißen.

Ein Fragenkatalog kommt meistens nur in Verbindung mit Problemen. Nach fast 20 Jahren im Bundestag habe ich mir abgewöhnt, Pressemitteilungen an überregionale Blätter und Medien zu schicken. Vier Jahre lang habe ich versucht Interviews zur Entwicklungspolitik zu führen. Für mich ein hoch spannendes und zukunftsrelevantes Thema. Dies interessiert aber niemanden. Anders wäre es, wenn es sich um Abgeordnetenreisen handeln oder wenn ich einmal gegen die Koalition stimmen oder mich negativ über Dirk Niebel äußern würde. Das kommt immer gut. Diesen Dreiklang einer sicheren Berichterstattung habe ich aber in diesem Fall nicht erfüllt, weshalb die vorliegende Anfrage wohl nichts Gutes verheißt.

Die Fragen waren umfangreich und teilweise sehr persönlich mit einer sehr knappen Frist zur Beantwortung. Dies heißt aber auch, dass mein Terminkalender komplett durcheinandergebracht wird und ich sogar Termine absagen muss.

Ich entschließe mich nun, die Fragen samt Antworten auf meiner Homepage zu veröffentlichen. Dabei ist mir bewusst, dass wenn ich Pech habe und die Zeitungen nichts bringen, ich freiwillig Fragen, die Negatives suggerieren, auf meiner Homepage veröffentlicht habe. Habe ich Glück, kommt gar keine Berichterstattung, da es nun ja an der Exklusivität der Meldung mangelt oder es kommt ein Artikel, der meine Antworten gar nicht oder nur sehr verkürzt wieder gibt. Damit könnte ich aber leben und arbeiten. 

Durch Social Media sind wir Politiker ständig und überall erreichbar – wir können nun auch ständig und überall selbst publizieren. Manche Medien sind über diesen digitalen Schutzschild der Politiker nicht gerade begeistert.

Allerdings war ich dieses Mal schon etwas perplex, als mir mit den Fragen auch gleich die Androhung von rechtlichen Schritten übermittelt wurde, wenn ich die Fragen samt Antworten vorab auf meiner Homepage veröffentlichen würde. 



Meine Antworten auf die Pressefragen waren sehr persönlich und ich bin gespannt was daraus gemacht wird. Ich schlafe schlecht, wache ständig auf und schaue auf mein Tablet, ob die Online-Version der Zeitung schon verfügbar ist… Nein. Ich drehe mich wieder um und versuche zu schlafen.

Am Morgen geht es runter zum Briefkasten, wird schon nicht so schlimm werden. Zeitung raus und ab in die Küche. Der Puls steigt. Kaffee läuft durch, Hunger habe ich sowieso keinen. Oh, das Regal neben der Kaffeemaschine ist aber unordentlich. Das müsste ich auf der Stelle neu sortieren. Also, alle Gegenstände auf die Anrichte. Mhhh…Mist! Da liegt die Zeitung. Nach dieser Übersprunghandlung widme ich mich der Lektüre der Zeitung. Da ist der Artikel. Das von der Redaktion ausgesuchte Foto lässt auf nichts Gutes schließen…

„Die frühere Miss Germany…“ Oha, die Richtung ist gleich zu Beginn klar. Ich lese zunächst konzentriert, dann überfliege ich den Artikel nur noch. Das Ende möchte ich gar nicht mehr kennen. Puh, was für ein Artikel. Der Schlag sitzt. Ich bin überrascht, wie innovativ die Fakten neu vermischt wurden und so ein total falsches Bild von den Vorgängen entstanden ist. Ich bin froh, dass ein solches Vorgehen eine Ausnahme unter Journalisten darstellt und auch wenn das Verhältnis zwischen Politikern  und Journalisten qua Amt schwierig ist, wird doch meistens fair zusammengearbeitet.

Da klingelt das Telefon. Mein Büro ist dran. „Dagi, hast du schon gesehen???“ „Ja… „ Pause. „Naja, schlimmer als gedacht, aber da musste jetzt durch. Aber schon krass, was die aus deinen Antworten gemacht haben. Aber lass Dich nicht unterkriegen. Außerdem steht gleich die Kinderkonferenz an, da müssen wir jetzt noch ein paar Details besprechen.“

Stimmt, heute ist ja die Kinderkonferenz, die wir seit Monaten organisiert haben und auf die ich mich schon so gefreut habe. Kinder stellen zwar auch schwierige Fragen, aber immerhin keine tendenziösen…


Die Kinderkonferenz läuft gut, der Kopf war frei…

Der Blick auf mein Handy nach der Veranstaltung senkt die Stimmung schlagartig: Emailaccount, Facebook und Twitter quellen über. Der Shitstorm tobt. Ich brauch Candy…

Es gibt jetzt noch mehr Artikel, von anderen Verlagen. Die fragen gar nicht mehr nach meiner Version und übernehmen einfach die Geschichte. Irgendwie passt dies gut zum Zeitgeist und den immer kürzeren Intervallen zwischen den Nachrichtenzyklen, das mühselige Recherchieren gleich ganz wegzulassen. Lesen möchte ich die anderen Artikel gar nicht mehr… Gott sei Dank, steht schon der nächste Termin an. Und eines weiß ich auch: die nächste Sau steht schon in den Startlöchern, um durchs Dorf getrieben zu werden.



Wie gesagt, ich will kein Mitleid oder Sympathie. Ich habe mich freiwillig für ein Leben in der Politik entschieden und die Arbeit direkt mit den Menschen macht mir sehr viel Freude. Aber auch wenn es manchmal nicht so wirkt: Wir Politiker sind auch nur Menschen mit Gefühlen, Schwächen und Stärken.

Wir sind (noch) keine Maschinen. Und das ist auch gut so.

12 Kommentare zu Politiker sind keine Maschinen – Wie es ist, von sich in der Presse zu lesen

  1. Tobi 12. Juni 2016 at 13:20 #

    Guten Tag,

    ich finde es teilweise wirklich erschreckend, wie die Presse mit öffentlichen Personen und Politiker umgeht. Diese Menschen versuchen doch auch nur ihren Job zu machen, neben diesem Job müssen diese sich dann auch noch mit einer „verrückten Presse und Medienwelt“ herumschlagen.

    Wenn man da nicht über den Dingen steht kann man sicher schnell daran zerbrechen. Steht man diesen Kampf über Jahre durch muss man schon den Hut ziehen. Wenn ich überlege was man da teilweise für Anschuldigungen lesen muss – puh, das wollte ich nicht über mich lesen wollen.

    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und vor allem das Sie sich nicht kleinkriegen lassen.

    Viele Grüße

  2. Matze 13. Mai 2013 at 21:42 #

    Hallo Frau Wöhrl,

    ohne zu wissen, welcher Artikel der Aufreger war, möchte ich Ihnen als „Aussenstehender“ den Tiip geben, sich außer in professioneller Sicht einfach nicht drum zu kümmern. Jeder, der einigermaßen nachdenkt, sieht tendenziösen Berichten sehr schnell ihre – eben – Tendenz an. Dafür ist kommerzieller Journalismus schon zu lange und zu auffällig auf der Suche nach Klicks und Quote, als dass man ihn als objektive Quelle noch arglos ernst nehmen würde. Und wer nur oberflächlich liest, vergisst alles sowieso wieder bzw. wendet seine Meinung bei der nächsten Meldung schnell wieder ins Gegenteil, da ist Hopfen und Malz verloren.
    Den meisten Journalisten fehlt zurzeit anscheinend echtes Interesse an der Wahrheit oder der Mut und das Rückgrat, die wahren Sachverhalte einfach aufzuschreiben, auch wenn es der vermuteten veröffentlichten Meinung widersprechen würde. Denn bei fast allen Themen drehen sich die Medien doch nur um sich selbst und keinen Menschen interessiert’s wirklich im realen Leben.
    Ich finde gut, dass Sie Einblicke in Ihr Befinden geben, und auch wenn wir politisch nur wenig gemein haben, wünsche ich Ihnen alles Güte & starke Nerven.

  3. Klaus 13. Mai 2013 at 12:44 #

    Ja, ja, „hoch spannendes Thema“… Wer solche Allerweltsfloskeln nutzt, dem hör‘ ich nicht mehr zu (meint: ich hör‘ auf, weiterzulesen).

  4. Gerd Pfähn 9. Mai 2013 at 22:52 #

    Hallo Frau Wöhrl,
    mit „Wir Politiker sind auch nur Menschen mit Gefühlen, Schwächen und Stärken.“ beenden Sie Ihren Beitrag.
    Wie bewerten Sie denn nun Ihr Verhalten in Bezug auf die Vorwürfe? Sind Sie immer noch der Meinung es handele sich um eine „Jagd“ auf Ihre Person? Werden Sie zukünftig genauso Handeln?

    Vielen Dank für Ihre Antwort und

    Mit freundlichem Gruß,

    Gerd Pfähn

  5. Martin Aicher 9. Mai 2013 at 21:05 #

    Sehr geehrte Frau Wöhrl,

    die Selbstgefälligkeit mancher Journalisten ist unglaublich. Ein guter Journalist berichtet sachlich und neutral und auf Basis von Fakten oder er schreibt einen als solchen gekennzeichneten Kommentar. Leider ist Herr Ritzer kein guter Journalist. Rein handwerklich hat der Mann schlicht versagt. Eine meiner Lieblinssites ist übrigens http://www.pressekonditionen.de. Ich habe wohl den falschen Beruf ergriffen.

    Viele Grüße aus Fürth

    Martin Aicher

    • Steffen Kutzner 13. Mai 2013 at 11:25 #

      Ihre „Lieblingssite“ ist keine Liste mit Geschenke, die Journalisten frei Haus erhalten. Pressekonditionen erhält man üblicherweise für eine einfachere Berichterstattung. (Obwohl es zugegebenermaßen schwarze Schafe gibt, die den presseausweis als Rabattkarte missbrauchen. Trotzdem: Alle Journalisten durch den hinweis auf die Seite über einen Kamm zu scheren, ist nicht fair.)

  6. meister 9. Mai 2013 at 20:10 #

    Guten Tag Frau Wöhrl
    nun es gibt in unserer Gesellschaft`s Press leider immer solche Schmierer die ihren Berufstand nicht wohlgesonnen sind, es sind eben tatschen Verdreher hinzudichtet oder verheimlichen, eben Berichterstatter die nur schnelles Geld machen wollen.

    Können Sie sich noch dann das kleine Mädchen (Sophie) mit den rosa Sonnenhut und der Sonnenblume erinnern die Sie in ihren Büro besucht hat?

    Machen Sie so weiter und wenn`s geht noch besser für Sophie und alle anderen Kinder dieser Welt.

    wie sagt der Franke: passt scho

    Mit freundlichen Gruß

    Meister

  7. Pascal 9. Mai 2013 at 19:53 #

    Dagmar, ich fühle echt mir dir. Ich danke dir persönlich vielmals das du als Politikerin soviel Rückgrat besitzt darüber so zu schreiben.
    Mach weiter so, kann bis jetzt ja nicht falsch gewesen sein, sonst wärst du nicht da wo du heute bist. 😉

  8. Alex 9. Mai 2013 at 19:14 #

    Ich habe keine Ahnung um welchen Artikel es sich handelt. Ich möchte Ihnen einfach nur gratulieren, dass Sie verstanden haben wie Sie die digitale Öffentlichkeit zur direkten Kommunikation nutzen können, ohne das jemand Ihre Worte verdrehen kann.

    Obwohl die CSU nicht gerade Sympathiepunkte in Sachen Netzpolitik verdient hat, bin ich froh, dass Sie diesen Schritt gegangen sind, ohne weiterhin Stille Post zu spielen.

    Viele Grüße, Alex.

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