Is the Internet stupid?
 Ein Plädoyer für mehr Netiquette.

Was für ein Jahr! Im Januar 2012 habe ich mich mit meinem ersten Blogeintrag „It’s the internet, stupid!“ zu meiner Netz-Affinität bekannt. Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich erst recht spät digitalisiert wurde und schon gar kein Digital Native bin. Ich habe aber auch festgestellt, dass es sich als Silver Surfer ganz gut leben lässt.

Seit 1994 bin ich nun im Deutschen Bundestag und habe somit sowohl die Bonner als auch die Berliner Republik miterlebt. Aus heutiger Sicht kommen mir diese Phasen wie zwei verschiedene Welten vor. Während in Bonn das gute alte Fax das Kommunikationsmittel Nummer eins war, ist in Berlin heute schon die Email wieder „so yesterday“.

Die letzten zwei Jahre waren aber ohne Zweifel die spannendsten meiner politischen Laufbahn. Warum? Die Begründung ist recht einfach. Ich habe mich unvoreingenommen und vorurteilslos auf die Digitalisierung und Social Media eingelassen. Dies hat meinen kompletten Arbeitsalltag verändert. Anfangs habe ich beim Twittern noch jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, dadurch aber häufig vage Aussagen produziert. Inzwischen habe ich mich in einem gesunden Maße von der vorgebenden „political correctness“ verabschiedet, und habe mich mal salopper, mal selbstironischer gegeben und darüber hinaus smilies absolut für mich entdeckt. Manchmal sagen Zeichen einfach mehr als tausend Tweets.

Bei meinen interessanten Konversationen, die sich so bei Twitter, Facebook und Co. entwickeln, bemühe ich mich nie beleidigend oder voreingenommen zu sein. Ich bin keine politische Provokateurin, ich gehe auch nicht im politischen Streit auf und pflege auch keine leidenschaftlichen Feindschaften zu anderen Parteien. Lieber arbeite ich leidenschaftlich und motiviert mit meinen Kollegen zusammen. Wenn ich abweichende Auffassungen entwickle, überprüfe ich stets meine Position. In einem zweiten Schritt überlege ich dann genau, ob ich diese Meinung auch öffentlich kund tun muss oder nicht. So habe ich mich früh gegen ACTA ausgesprochen, unterstütze die steuerliche Gleichstellung der Homo-Ehe und setze mich seit Jahrzehnten für den Tierschutz ein. Und mit meinem Blog, meiner Homepage, Twitter und Facebook habe ich nun auch Medien mit denen ich meine Meinungen, Überzeugungen und Visionen mit anderen teilen kann. (Urbaner Masterplan)

Dabei habe ich es sehr zu schätzen gelernt, hierauf ein schnelles Feedback zu bekommen. Ungeschönt und manchmal auch hart, aber doch unvergleichbar bereichernd. Denn ich habe auf diese Weise Meinungen, Ideen und Input von außerhalb des Berliner Elfenbeinturms bekommen. Dabei darf man nicht alles für bare Münze nehmen, aber ich sage es meinen netz-skeptischen Kollegen immer wieder: Man muss sich „auf dieses Internet“ auch einfach mal einlassen. Offen und unverkrampft. Es ist vor allem nicht als Pressemitteilungsorgan zu verstehen, denn bei social media liegt der Schwerpunkt für mich auf social, nicht auf media. Es geht um eine Kommunikation in beide Richtungen und nicht um ein Einbahnstraßen-Sprachrohr.

Deshalb bemühe ich mich auch auf alle Anfragen auf Twitter und Facebook, per Mail, etc. zu reagieren. Ich stelle mich den zeitweiligen größeren und kleineren Shitstorms und genieße natürlich auch mal einen Flausch oder wie man jetzt Neu-Deutsch sagt: einen Candy Storm.

Ich versuche sachlich auf Beleidigungen, Schmähungen und Unterstellungen zu reagieren. Man muss schließlich auch ein Herz für Trolle haben. Aber was mir in der letzten Zeit verstärkt auffällt, ist, dass Politiker per se und pauschal angegriffen werden. Es macht manchmal keinen Spaß mehr in Twitter oder Facebook hineinzuschauen und dabei zuzusehen, wie manche meiner Follower miteinander umgehen, Momente des Fremdschämens zu erleben, wenn Piratinnen über ihr Liebesleben berichten oder wie jeder Konjunktiv sofort in eine absolute Wahrheit verwandelt wird.

Inzwischen bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ich eben auch nicht auf alles antworten muss. Dass manche Angriffe derart weit entfernt von Gut und Böse sind, dass man nicht einmal mehr lachen kann. Parallel hierzu wurde in der vergangenen Zeit auch viel darüber diskutiert, ob das Internet die Menschen dümmer mache. Dies glaube ich zwar nicht, aber es bietet vielen eine Plattform für Dummes.

Mehr Netiquette wagen
Wenn ich einen Artikel lese und mich noch weiter mit den Leserkommentaren beschäftige, verstehe ich nicht, wie beinahe jede Diskussion völlig aus dem Ruder läuft, vom Thema abkommt und zwischen Beleidigungen, Rufmord oder übler Nachrede pendelt oder ins Bodenlose abdriftet – egal bei welchen Newsportal, egal zu welchem Thema und egal zu welcher Uhrzeit.
Ich verstehe nicht, dass es so vielen schwer fällt, einmal mit Menschen aus anderen Parteien vernünftig zu kommunizieren, ohne immer gleich beleidigend zu werden. Natürlich soll man diskutieren, mal einen Scherz machen und Unterschiede pointiert darstellen, aber doch in einem Maße, dass ich der Person hinter dem Tweet auch noch am nächsten Tag in die Augen schauen kann.

Ich verstehe auch nicht, warum Menschen mit ihrem Handeln im Netz andere Menschen bis zum Äußersten treiben, sich aber gleichzeitig zu fein sind, zu ihrem Namen zu stehen. Über Personen der Öffentlichkeit herrschen so viele Gerüchte, dass man damit ganze Bücher füllen könnte.

Wirklich bewundernswert sind beispielsweise unsere jungen Fußballspieler in der Bundesliga, wie sie mit diesem psychischen Druck umgehen, der im Netz auf sie aufgebaut wird. Aber auch wir Politiker oder erfolgreiche Unternehmer stehen sofort unter Generalverdacht und sind zumindest moralisch immer schuldig.

In so einem Netz will ich nicht leben. Deshalb wünsche ich mir, dass wir wieder mehr Netiquette wagen. Gerade im Hinblick auf die anstehenden Wahlen wird mir schon ganz anders, wenn ich mir vorstelle, wie diese Entwicklung wohl weitergehen mag.

Erst einmal recherchieren, dann behaupten
Seit ein paar Tagen wird nun krampfhaft versucht mich mit dem Fall Mollath in Verbindung zu bringen, natürlich auch hier wieder von anonymen Personen. Ich habe mich daraufhin erklärt und zu einem gemeinsamen Gespräch in meine Bürgersprechstunde eingeladen, da ich gerne bereit bin, meine Frau zu stehen, aber doch auch gerne meinen Gegenüber kennen würde. Ein persönliches Gespräch ist immer noch die beste Konversationsmöglichkeit. Vom größten Teil habe ich darauf nie eine Antwort bekommen, der Rest hat weitergepöbelt. Auf mein Angebot eines Treffens ist niemand eingegangen. Ja, wie soll ich da noch reagieren?

Nun kursiert ein dubioser Blog Artikel. Ein kleines Rauschen im großen Netz und viele Politiker würden dem wohl keine Beachtung schenken und erst einmal abwarten, bis die Online- oder Printmedien hierauf reagieren und dann „schau mer mal“.

Schließlich wird dann mit einem Krisenmanagement à la Guttenberg, Wulff oder Steinbrück begonnen. Hier kann ich aber nur sagen: Ihr habt das Prinzip und die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Es geht um Vertrauen und Transparenz. Dabei ist mir natürlich klar, dass auch jede Transparenz zum Selbstzweck werden kann und die ganze positive Idee irgendwann ad adsurdum geführt wird. Wahrscheinlich mache ich die ganze Geschichte durch meine Stellungnahme nun auch größer als sie wohl je geworden wäre, aber ich habe mich entschlossen, mir die Zeit zu nehmen, die der anonyme Blogger nicht in seine Recherche gesteckt hat.

Is the internet stupid?
Ist das Internet nun also dumm? Nein, natürlich nicht! Macht das Internet dumm? Auch das sehe ich so nicht. Aber das Netz ist die Summe aller seiner Teilnehmer und es liegt auch an uns gemeinsam, eine Netzwelt zu schaffen, mit der wir gut leben können und wollen. Ich denke, die große, vielleicht leise Mehrheit will Umgangsformen im Netz nicht wie im wilden Westen, auch nicht wie beim Staatsdinner der Queen, aber dazwischen müsste eine ziemlich große Schnittmenge liegen. Lasst uns wieder mehr Netiquette wagen und nicht einem negativ gestimmten Teil die Meinungshoheit überlassen! Ich würde mich hier wirklich auf eine Diskussion mit Euch allen freuen.

So schließt sich der Kreis im Dezember und nicht vergessen: It’s the internet, stupid!

Eure Dagmar

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5 Kommentare zu Is the Internet stupid?
 Ein Plädoyer für mehr Netiquette.

  1. Doris 27. September 2016 at 16:53 #

    Vielen Dank für deinen Artikel. Du bringst es auf den Punkt! Danke. Ich erlebe ebenso auf meinen Blog gerade einen Shitstorm und ich begreife nicht, dass Menschen einfach so vom eigentlichen Thema ablenken und dann haltlos beschimpfen anfangen. Ich denke aber auch es liegt generell, dass viele einfach keine ordentliche Kommunikationskultur gelernt haben. Offline schwegen sie und online lassen sie es einfach dann raus. Ich finde es auch bemerkenswert was manche Journalisten, Unternehmer, Politiker einstecken lernen müssen, schon alleine das rechtfertigt ihre Gehälter.

    Danke nochmals für den Artikel!

    LG Doris

  2. Brian 10. Dezember 2012 at 09:35 #

    Hi Dagmar

    what does „Silver Surfer“ mean basically, and if so – why not „Gold Surfer“ or „Honey Surfer“;-)?

    cu. Brian

  3. Trudi D. 1. Dezember 2012 at 02:51 #

    So war mein Kommentar doch gar nicht gemeint! Vor Ihrer Kraft kann man nur den Hut ziehen.

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